Nach sechs Saisonen und an die 100.000 km habe ich viel Erfahrung mit der KTM 790/890 Adventure und natürlich auch mit den Assistenzsystemen gesammelt.
Die KTM 790/890er hat sehr viel Elektronik mit an Bord. Lässt man alles freischalten, hat man Traktionskontrolle (MTC), Kurven- Offroad- ABS, einstellbare Traktionskontrolle, verschiedene Fahrmodi und Gasannahmen, Tempomat, Quickshifter und Motorschleppmomentregelung (MSR) an Board. Uff!
Braucht man das wirklich alles? Gehts nicht auch ohne oder zumindest mit weniger? Das hat man sich noch 2019/20 gefragt, als zeitgleich zur KTM 790 Adventure die Yamaha Tenere 700 auf der Markt kam. Die hatte nämlich an Elektronik nur ein einfaches ABS, wie es der Gesetzgeber vorschreibt, an Board. Der Preis war sehr attraktiv und die Tenere ein Bestseller.
Heute verteufelt kaum jemand mehr die elektronischen Assistenzsysteme. Ganz einfach deshalb, weil sie sich bewährt haben. Auch kleine Hubraumklassen und inzwischen sogar die Yamaha Tenere 700 kommt heute mit mehreren Fahrmodi und Traktionskontrolle. Das Motorradfahren wird dadurch sicherer und komfortabler. Wer will das nicht?
Bei der KTM 790/890 ist die sicherheitsrelevante Elektronikgrundausstattung wie ABS und Traktionskontrolle serienmäßig dabei. Will man den vollen Leistungsumfang, muss man das Tech Pack dazukaufen. Dann sind Rallypack, Quickshifter+, MSR und Geschwindigkeitsregelanlage freigeschaltet und es bleiben keine Wünsche mehr offen. Optional kann man die Features auch einzeln kaufen, aber das macht wohl kaum wer.
Sicherheitsrelevante Elektronik – ABS und MTC
ABS ist bei Motorrädern verpflichtend. KTM ist hier top. Das verbaute Kurven ABS regelt schräglagenabhängig, ein echtes Sicherheitsplus auf der Straße. Im Offroad- oder Rally Modus ist das Offroad ABS aktiviert. Hier regelt das Antiblockiersystem nur am Vorderrad, das Hinterrad kann blockieren. Perfekt für den Offroadeinsteiger, aber auch für den Profi am Limit ein Sicherheitsgewinn.
Die Traktionskontrolle (MTC) ist je nach gewählten Fahrmodi mit mehr oder weniger Schlupf hinterlegt. Ebenso mit einer weicheren oder schnelleren Gasannahme. So fährt man mit „Street“, „Rain“ oder „Offroad“ in einer von KTM perfekt vorkonfigurierten Einstellung.
Elektronik für mehr Komfort – Quickshifter+, MSR und Cruise Control
Wer einmal mit Quickshifter gefahren ist, will nie mehr darauf verzichten. Ohne das Gas abzudrehen und ohne zu kuppeln, rauf- und runter zu schalten (Blipper-Funktion) macht unheimlich viel Spaß. Und schont die Kupplungshand auf langen Etappen. Wenn der Shifter so geschmeidig und ruckfrei wie bei der 790/890er funktioniert, erst recht. Wichtig zu wissen, dass der Quickshifter+ auch im (langsamen) Stadtverkehr oder beim Cruisen gut funktioniert. Dabei muss der Schaltvorgang langsam(er) durchgeführt werden. Will man schnell und knackig schalten wie Überland, hackelt es. Je härter man beschleunigt, umso schneller sollte man schalten.
Die Motorschlupfregelung (MSR) verhindert ein Blockieren des Hinterrads beim schnellem Herunterschalten durch den Blipper. Sie wirkt entgegengesetzt zur Motorrad-Traktionskontrolle (MTC).
Ein weiteres lohnenswertes Elektronikfeature ist der Tempomat. Immer wieder hat man auf der Tour Autobahnetappen und lange Geraden. Oder eine längere Geschwindigkeitsbeschränkung. Cruise Control rein und Gashand (und Geldbörse) entlasten.
Performanceorientierte Elektronik – Der Rallymode
Mit dem „Rallymode“ spricht KTM den performanceorientierten Fahrer an. Hier wird es etwas komplexer. Zuallererst ist beim Rallymode die Wheeliecontrol deaktiviert. Wichtig, denn man will ja das Vorderrad über Hindernisse lupfen oder einfach nur wheelen. Hat man kein Rallypack freigeschaltet, geht das nur durch Ausschalten der Traktionskontrolle. (MTC Aus) Das heißt Wheelies + Traktionskontrolle geht nur im Rallymode.
Dafür kann man hier die Traktionskontrolle in 10 Stufen während der Fahrt einstellen. Von sehr wenig Eingriff 1 bis viel Eingriff 9. Ab dem 2023er Modell kann man durch längeres Drücken der Minus Taste auch auf „O“ schalten, sprich die Traktionskontrolle ganz wegschalten. Das macht bei sehr tiefem Boden (wenn die Räder einsinken) wie weicher Sand, tiefer Schnee oder Gatsch Sinn.
Dann lässt sich im Rallymode die Gasannahme („Throttle“) mit „Offroad“, „Street“ und „Rally“ einstellen. Und damit quasi die Charakteristik des Motorrads verändern. Im Throttlemodus „Rally“ ist die Gasannahme sehr direkt, das Motorrad reagiert sehr spontan auf Gasgriffbewegungen. Bei der 890er ist das meiner Meinung nach zu viel des Guten, denn selten ist der Boden so griffig, dass es hinten nicht gleich durchreisst. Anders bei der 790er. Hier liegt nicht ganz so viel Drehmonent an und für sportliche Fahrer ist die Rally Gasannahme durchaus nutzbar, wenn es einigermaßen griffig ist. Drifts lassen sich dann besser einleiten und das Vorderrad anheben fällt leichter.
Normal schnelle, aber nicht extreme Gasannahme bietet der Throttlemode „Street“. Wenn es rutschig wird, wählt man „Offroad“. Mit der gewählten Throttle Einstellung ist die Gasannahme damit ident wie in den Fahrmodi „Street“ und „ Offroad“. Allerdings ohne Wheeliecontrol und mit einstellbarer Traktionskontrolle.
Achtung, die Angaben in der Anleitung sind falsch. Demnach hätte man mit Offroad Throttle ein „sehr direktes Ansprechverhalten“. Defacto hat man aber die sanfte Gasannahme des Offroadmodus.
Außerdem hat man mit dem Rallymode nicht automatisch ein „äußerst direktes Ansprechverhalten“ sondern nur wenn man die Gasannahme auf „Rally“ stellt. Fährt man mit Throttle „Offroad“ ist der Rallymode gleich sanft wie im Offroadmodus. Also kein Grund sich vor dem Rallymode zu fürchten…
Der Rallymode ist recht komplex. Man sollte sich schon damit auseinandersetzen und verschiedene Einstellungen ausprobieren will man die Vorteile nutzen. Allerdings bekommt man Wheelen mit einstellbarer Traktionskontrolle und eine richtig aggressive Charakteristik on top. Ein typischer KTM – „ready to race“ Mode.
Die Elektronik In der Offroad Praxis – Meine Einstellungen
Der Rallymode – die Muss für sportliche Adventurebiker
Für mich persönlich sind die Assistenzsysteme ein echter Gewinn. Wenn ich (seltene) Straßentouren fahre, bleibe ich im normalen „Streetmode“. Fahre ich Offroad, oder wechselnd On-Offroad, wähle ich den „Rallymode“. Hier ist dann die Wheeliecontrol deaktiviert. Die Gasannahme (Throttle) fahre ich bei der 890er so gut wie immer auf „Street“. Bei meiner neuen 790er – KTM 790 Adventure 2024/25 – First Impression – mit weniger Drehmoment allerdings auch öfter auf „Rally“.
Bei der einstellbaren Traktionskontrolle wähle ich meist Stufe 3 oder 4. Hier ist genug Regelung vorhanden, um ein abruptes Ausbrechen des Hinterrads zu verhindern, wie es bei komplettem Ausschalten der Traktionskontrolle der Fall ist. Schotterkurven lassen sich gut über das Hinterrad steuern und in technischem Gelände ist ausreichend Unterstützung vorhanden. Möchte ich den Hinterreifen schonen, gehe ich kurzfristig auf eine höhere Stufe. Allerdings sind ab Stufe 5 keine längeren Wheelies möglich, da greift dann doch die Traktionskontrolle zu stark ein.
Bei losen Steinen und richtig glatten Oberflächen hilft gerade Offroadeinsteigern eine hohe Stufe wie 7 oder 8 schon um Grip zu finden bzw. nicht abreißen zu lassen. Allerdings: Ein zu hoher Eingriff verhindert ein Durchdrehen des Hinterrads (eh klar), das aber bei gewissen Situationen notwendig ist, um das Reifenprofil freizubekommen und Grip zu generieren. Daher kann zu viel Traktionskontrolle auch schlecht sein. Profis fahren eher mit wenig elektronischer Unterstützung und regeln die Traktion über die Dosierung von Gas und Kupplung. So können sie bei Bedarf das Hinterrad durchdrehen lassen, falls das doch mehr Grip bringt. Die Schwierigkeit ist, man muss sich für eine Stufe entscheiden bevor man in die technische Passage einfährt. Wenn man dann hängt, bringt das Umschalten nichts mehr.
Was kann der Offroadmode?
Der Offroadmodus ist meiner Meinung nach ideal für Einsteiger. Die Traktionskontrolle und die sanfte Gasannahme verhindern ein zu starkes Ausbrechen des Hinterrads auf Schotter. Im technischeren Gelände wird dadurch der Grip unterstützt und die Elektronik lässt ein Anheben des Vorderrads zu. Der Offroadmode reicht für viele Fahrer und die meisten Fahrsituationen aus. Erst wenn es in härteres Gelände geht, ist die 9-stufige Anpassung der Traktionskontrolle nützlich. Oder wenn man für Drifts eine schnellere Gasannahme benötigt und längere Wheelies fahren möchte.
Offroad ABS – perfekt abgestimmt
Im Offroad- und Rallymode wird ab den 2023er Modellen automatisch das Offroad ABS aktiviert. Das heißt weniger Eingriff am Vorderrad und kein Eingriff am Hinterrad. In der Praxis funktioniert das wunderbar und ist auch für einen erfahrenen Piloten ein echter Vorteil. Man traut sich die Vorderbremse länger und härter einzusetzten, zeigt doch ein Pumpen am Bremshebel das Erreichen der Traktionsgrenze an. Und nicht das plötzlich blockierende Vorderrad.
Letzte Einstellungen bleiben erhalten
Schaltet man die Zündung aus, belieben bei der KTM 790/890 Adventure die letzten Einstellungen erhalten. Auch wenn man den Schlüssel abzieht. Top! Das ist nur bei wenigen Adventurebikemotorrädern so geregelt. Nach jedem Starten wieder ins Menü und Offroadmodus aktivieren, ABS deaktivieren… das kann nerven.
Zwei in Eins
Die Elektronikeinstellungen machen es möglich, das selbe Motorrad vom Motor her einsteiger- wie profitauglich einzustellen. So kann die Performance mit dem Fahrlevel mitwachsen. Aber auch der fortgeschrittene Fahrer kann über die Gasgriffannahmeeinstellung im „Rallymode“ die Charakteristik des Motors auf Knopfdruck von Touring auf Racing ändern. So hat man im Grunde zwei Motorräder in einem. Genial!
Fazit
Die KTM 790/890er Adventure hat ein sehr umfangreiches Elektronikpaket mitbekommen. Sicherheitsfeatures wie ABS und MTC, Komfortfeatures wie Quickshifter+, MSR und Cruisecontrol und den voll konfigurierbaren Rallymode für performanceorientierte Adventurebiker. Sicher muss das alles nicht sein. Will man allerdings den großen Spagat, den moderne Adventurebikes zu leisten im Stande sind voll auskosten, kommt man an einer umfangreichen Elektronik nur schwer vorbei. Nur so kann die hohe Leistung bei allen Einsatzbedingungen und auf allen Fahrlevels sicher, sinnvoll und effizient eingesetzt werden. Mir gefällt das!
Hi. Another great and sensible review.
Can I ask though (sorry I think it got lost a little in translation) what you mean for traction control in the off road?
On slippery mud for example what level of traction do you have 1-9? and what are the differences
thanks and keep up the great work
Thanks for your feedback! You can set the traction control in rally mode from 1 (almost off) to 9 (very much intervention) at the push of a button. If the mud is slippery as ice, I would go with 9. But when the mud is deep and you need power with little intervention (1-3). I hope this helps you! Best regards Michael
The next one – super Bericht, wieder mit dem Hintergrund vieler Kilometer auf diesem Bike, techn. Wissen, Fahrkönnen, Vergleich zu div. anderen Herstellern, Erfahrung usw.! Da kann ich nicht anders und muß mein Kommentar abgeben
Ich glaube dieses Thema der „Helferlein“ könnte Bände, Stammtischabende und never ending Diskussionen füllen. Auch basierend auf der Tatsache dass fast niemand seine Eindrücke bzw. Bewertung aufgrund eines gesamtheitlichen Wissens bzw. rein objektiv und neutral abgeben wird können. Viel zu sehr spielen in der eigenen Bewertung solcher Systeme persönliche Präferenzen, eigenes Fahrkönnen usw. eine zu große Rolle. In weiterer Folge aufgrund der inzwischen schon sehr hohen Komplexität dieser, auch das mangelnde technische Verständnis vieler Biker – woher auch, im Zeitalter von Plug n‘ Play – raufsetzen und fahren. Weiters nimmt ja auch ein intensives Testen aller verbauten Systeme auf verschiedenen Untergründen, unter verschiedenen Verhältnissen sehr viel Zeit und Aufwand in Anspruch. Nach dem Motto: jetzt habe ich mal einen Tag frei, jetzt wird gefahren und nicht im Menü rauf und runter geschalten.
Die Entwicklung der gesamten Elektronik ist sicher auch ein logischer Schritt der hohen Leistungszahlen der Motorräder heutzutage: KTM 1290 Adventure R mit 160 PS!? Aber leider blicken viele Käufer auf die reinen Zahlen beim Kauf der Motorräder, und da steht die PS-Zahl an oberster Stelle – egal ob man’s braucht und fahren kann oder nicht. Und der Hersteller muß es dann eben elektronisch wieder runterreglen um es für jeden fahrbar zu machen. Hier muß ich sagen dass KTM einen super Job macht. Bin jetzt seit ca. 15 Jahren auf KTM unterwegs, verglichen zu den Helferlein von damals, ist das heute schon ganz großes Kino – top!
Deshalb finde ich deine Ausführung über die Systeme super erklärt und auf den Punkt gebracht, sowohl für „Anfänger“ als auch für Leute die sich intensiv mit diesen auseinandersetzen!
„Machen mich diese Systeme schneller“ ist eine Standardfrage von vielen die meiner Meinung nach so nicht beantwortet werden kann. Ich trenne diese Systeme für mich in grundsätzlich 3 Kategorien: a) Sicherheitssystem (wie der Name schon sagt zu meiner eigenen Sicherheit in Grenzsituation, macht mich aber nicht schneller); b) Komfortsysteme (zB Tempomat – macht mich auch nicht schneller; c) „Racing-Systeme“ (die machen mich schneller, zB Quickshifter, MSR,…). Also ähnlich zu deinen Ausführungen oben.
Ich glaube auch dass aufgrund der heute schon sehr hoch motorisierten Bikes all diese Systeme im Zusammenspiel das Fahren auf jeden Fall viel sicherer, angenehmer und mitunter auch schneller macht. Fährt man mit einem Bike von vor 30 Jahren und einem von heute ein und dieselbe Strecke, wird der Vollgasanteil beim älteren Bike mit Sicherheit wesentlich höher sein. Sprich, die Spitzenleistung der heutigen Bikes ist nur in einem ganz kleinen Teil der Fahrtstrecke notwendig und auch nutzbar, den Rest macht die Elektronik wenn die rechte Hand mal zu nervös ans Werk geht.
Ich bin noch, und ich möchte es nicht missen, in einem Zeitalter der Vergaser/no Elektronik Bikes groß geworden. In Gesprächen mit jungen Fahrern stellt sich halt ab und zu die Frage (und das wird ihnen in den Fahrschulen auch so gelernt), in wieweit tragen diese System wirklich der Sicherheit bei wenn mit der Einstellung gefahren wird „die Elektronik bewahrt mich ja sowieso vor jeglichem Abflug…..).
So, vielleicht bin ich jetzt doch etwas zuweit in die generelle Diskussion um Elektronik abgeschweift
Ich kann mich jedoch deinem Fazit auch nur anschliessen: ich liebe die vielen Möglichkeiten an Einstellungen an meiner KTM, auch wenn sich vielleicht schon einige Wanderer gedacht haben: was macht der da, fährt die 300 Meter Strecke immer hin und her in der Schottergrube – da war ich sicher gerade wieder am Testen was für mich besser passt in den Einstellungen. Persönlich bin ich mit den Systemen sehr zufrieden, auch dass ich sie auf meinen Fortschritt oder auch Tagesverfassung wirksam und merklich anpassen kann. Fazit: wenn die rechte und linke Hand und der Popometer nicht richtig kalibriert sind, wirds nix… Mein Tip an alle wer’s nicht schon macht: alles ausprobieren, testen, rauf und runter, rechts und links – macht Spass und unterstützt richtig eingestellt enorm beim eigenen Fahren. Was für den einen passt muß für den anderen nicht zutreffen….
Soweit mein persönlicher Input zu der sehr informativen Ausführung von dir Michael zur weiteren Diskussion
Stay safe – keep riding!
Danke für Dein ausführliches und kompetentes Kommentar Stef! ?